Die Epoche des Rokoko wird von etwa 1720 bis zum Ausbruch der französischen Revolution im Jahre 1789 datiert. Alles was in dieser Zeit an Kunst und Architektur oder Ideen geschaffen wurden, werden dem Stil des Rokoko zugeschrieben und natürlich hat auch die Mode dieser Zeit seinen ganz besonderen Stil.

Zuvor ging lange Zeit das Modediktat vom französischen Königshaus in Versailles aus. Genauer gesagt, König Ludwig XIV. höchstpersönlich bestimmte, was die Dame und der Herr von Welt und ganz besonders sein Hofstaat zu tragen hatte und ganz Europa richtete sich nach dem Geschmack des prunkliebenden Monarchen. Als der Sonnenkönig 1715 starb, verlor die Welt ihren obersten Moderichter und viele Aristokraten verließen das steife und strenge Versailles und zogen sich in ihre eigenen Paläste und Stadtschlösser zurück da der neue König noch nicht volljährig war und erst mal anderes zu tun hatte, als seinem Adel die Klamotten auszusuchen.
Das gesellschaftliche Leben spielte sich nun in den Salons der feinen Damen ab und nicht höfische Modeströmungen sowie ein Hauch von etwas mehr Bequemlichkeit hatten in der Mode endlich eine Chance sich durchzusetzen. Denn was modisch war und was nicht, wurde jetzt in diesen Salons bestimmt und die Steifheit in Kleidung und Benehmen wurde mit der Zeit abgelegt. Das änderte sich weder mit der Volljährigkeit, noch mit der offiziellen Thronbesteigung des neuen, jungen Königs. Dem Ländlichen und Naiven wurde jetzt ein hoher Stellenwert beigemessen und da es in der Zeit zwischen dem Tod Ludwigs XIV und der Thronbesteigung Ludwigs XV kein offizielles Hofzeremoniell gab, konnten sich in der Mode ungestört nicht-höfische Modeströmungen durchsetzen.

So begann der Siegeszug der „Robe Volante“, auch „Robe Battante“ genannt. Dieses Kleid mit tief eingelegten Falten vorne sowie hinten, die ab Schulterhöhe aufsprangen, war ursprünglich ein bequemes Hauskleid. Die bürgerlichen Frauen und Zofen waren die Trendsetter, denn sie waren die ersten, die sich nicht schämten, dieses bequeme Kleid auch auf der Straße zu tragen. Irgendwann zogen die adeligen Damen nach, natürlich nicht, ohne die Kreation noch standesgemäß etwas aufzupeppen. Von der Konstruktion erinnert die Robe Volante an das Hofkleid des späten 17. Jahrhunderts: ein langer Rock mit einem darüber getragenen, mantelähnlichen Kleid, dem „Manteau-Kleid“, das vorne mal mehr, mal weniger offen getragen wird, damit die Schnürbrust sichtbar bleibt. Die ellbogenlangen Ärmel mit den aufgesetzten Ärmelaufschlägen, erinnern entfernt ein wenig an heutige Schwimmflügelchen.

Ab Beginn des Frührokoko, von ca. 1720 bis 1750, wurde die „Robe à la française“, wie man die Robe Volante später auch nannte, ebenfalls von adligen Damen außer Haus getragen. Die Roben der adeligen Damen umspielten den Oberkörper nur lose und wurden ziemlich früh von immer größer werdenden Reifröcken aufgespreizt … und aus war es alsbald wieder mit der Bequemlichkeit. Wer schön sein will muß leiden, oder?
Die frühen Reifröcke ähnelten in ihrer Konstruktion zu dieser Zeit üblichen Hühnerkörben, weshalb man sie kurzerhand „Panier“ taufte. (Französisch für „Korb“)
Die ganz frühen Reifröcke um 1710 hatten noch eine Kegelform. Ab den 1720-ern wurden sie zunehmend kuppelförmig, um zehn Jahre später in einem vorne und hinten abgeflachten Oval zu enden. Diese Dinger hatten bisweilen so übertriebene Ausmaße, daß die Damen sich damit nur noch seitwärts durch ihre Schloß- und Palaistüren quetschen konnten. Zeitgleich wurden die Roben darüber immer taillierter.Königin Luise Ulrike von Schweden (1720-1782)
Natürlich kam auch die dekorative Prachtentfaltung nicht zu kurz. Es wurden Brokatstoffe und Damast mit großen Mustern verarbeitet. Für besondere Anlässe griff man zu mit Gold- und Silberfäden durchwirkter Seide. Auch Gold- und Silberstickereien fanden gerne Verwendung, am liebsten kombiniert mit Klöppelspitzen, die den Ausschnitt und die Ellbogen zierten. Weitere Verzierungen wie Rüschen oder Schleifchen waren bis zum Ende des Frührokoko um 1750 noch nicht üblich, ebenso wenig wie Perücken und Haarteile. Noch reichte das natürliche Haar für die schlichten Hochsteckfrisuren aus, die meist von einer Haube bedeckt wurden.


Auch im Hochrokoko von ca. 1750 bis 1770 war die „Robe à la française“, also das Kleid im französischen Stil das am weitesten verbreitete der Oberschicht auf dem europäischen Kontinent. Der einzige Unterschied bestand darin, daß das Rockteil des Kleides nun an das Oberteil angenäht wurde, anstatt wie bisher aus einem einzigen Stück geschnitten zu werden, da das eine noch stärkere Taillierung ermöglichte. Die Muster auf den teuren Stoffen wurden kleiner und die Stickereien verschwanden ganz. Dafür setzte man jetzt auf pompöse, aufgesetzte Dekorationen in Form von gerüschten und gefalteten Volants, geknüpften Seidensträngen und Chenille und natürlich Schleifen. Die bisher schlichten und steifen Ärmelaufschläge wichen zwei- bis dreilagigen Ärmelvolants mit bogig geschnittenen Kanten.

Zur selben Zeit entwickelte sich in England aus dem Manteau unter dem Einfluß des eher ländlich geprägten Adels die „Robe à l’anglaise“, die ohne Reifrock auskam und deren Oberteil vorne mittig mit Haken und Ösen verschlossen wurde.
Madame de PompadourWer doch noch Reifrock trug, ersetzte diesen durch ein weniger breites und bequemeres Modell. Mit Ausnahme von Braut- und Hofkleidung. Hier galt weiterhin, je größer, um so besser.
Die Frisuren blieben allerdings bis zum Ende der 1760er Jahre weiterhin schlicht und wurden wie gehabt von einem Haube bedeckt. Eine der beliebtesten Frisuren kann man auf einem Gemälde erkennen, daß die Lieblings - Mätresse des Königs Ludwig XV, Madame de Pompadour abbildet. Wenn man es schafft den Blick von ihrem schönen, grünen Kleid zu lösen, entdeckt man im Spiegel hinter ihr einen im Nacken angesetzten Zopf, der am Hinterkopf hochgeführt und auf dem Kopf festgesteckt wurde.
Erst mit dem Erscheinen von Marie Antoinette am französischen Hof nahm die ein oder andere Haarpracht eher turmähnliche Ausmaße an. ( Bild Marie Antoinette 1755 - 1793)
Das Höhenwachstum erreicht im Spätrokoko (1770 – ca.1794)um 1775/76 ihr Maximum. Für die tollkühnen Haarkreationen reichte das natürliche Haar der Damen bald nicht mehr aus und so griff man zu Perücken und Haarteilen um das nötige Volumen zu erzielen. Im höfischen Umfeld wurden die meist weiß gepuderten, filzigen Haartürme gerne noch verschwenderisch mit Federn, Perlen, kleinen Figürchen oder sogar ganzen Schiffen dekoriert. Eine bürgerliche Frau mußte sich zu dieser Zeit mit einer passend geformte Haube begnügen… ist auch viel gesünder für den Nacken. Zum Glück wurden die Frisuren zum Endes des Jahrzehnts wieder niedriger, um dann um 1780 von Wuschelkopffrisuren abgelöst zu werden, deren einzige Zierde ein breitkrempiger Hut oder ein kleiner Zylinder war.
Marie Antoinette 1755 - 1793

Währenddessen entwickelte der englische Adel eine Vorliebe für das Leben auf dem Land, zu dem Reiten, Kutschfahrten ins Grüne, Spaziergänge sowie Jagdausflüge gehörten. Für diese Aktivitäten benötigte man mehr Bewegungsfreiheit, also verzichtete man bei der Kleidung auf alles, was den Bewegungsdrang einschränkte. Dazu gehörten große, sperrige Rockunterbauten genauso wie große Ärmelaufschläge.
Die englische Version des Manteau, die „Robe à l’anglaise“ wird nun auch vom französischen Adel verstärkt getragen, da das Kleidungsstück bequemer- und praktischerweise mit Haken und Ösen verschlossen wird und die Damen bzw. ihre Zofen nicht mehr stundenlang mit Stecknädelchen herumhantieren müssen, um die einzelnen Kleidungsstücke an Ort und Stelle zu halten. Außerdem wird die „Anglaise“ nicht über einem Reifrock getragen, sondern wird über ein auf dem Gesäß aufliegenden Polster gezogen, das erstens viel bequemer und zweitens viel schneller anzulegen ist.
Die Robe à la française wird mehr und mehr Alltagsuntauglich und man holt sie nur noch zu festlichen Anlässen und bei Hofe aus der Kleiderkiste.


Da es zu dieser Zeit tatsächlich Kleidervorschriften gab, um den Adel vom „gemeinen Volk“ unterscheiden zu können, hatten die Bürgersfrauen natürlich nicht so prunkvolle Textilien zur Verfügung. Das gute Sonntagskleid mag dem Robe Volante geähnelt haben, aber die guten und kostbaren Stoffe und Materialien waren dem Adel vorbehalten. Abgesehen davon, war so eine verschwenderische Robe im Alltag einer körperlich arbeitenden Bürgerin der Mittelschicht eher hinderlich. Die Bäckerinnen, Wäscherinnen, Dienst- und Kindermädchen trugen im Arbeitsalltag eine schlichte Kombination aus Rock und Jacke.
Nur nicht arbeitende Frauen der Mittelschicht kleideten sich gerne etwas eleganter.
Die T-f örmig geschnittene, lose sitzende Jacke der arbeitenden Frau des Rokoko, lappte vorne über und wurde von einer Schürze an ihrem Platz gehalten. Ein knöchellanger Rock, ein Schultertuch und eine Haube machten das Outfit komplett.

Küchenmagd, 1736  Köchin, 1739  Wäscherin, 1735  Gouvernante, 1739


Die Französische Revolution bereitete dem gewohnten Lebensstil vieler Menschen und besonders dem Adel, allen voran dem französischen Königspaar ein jähes Ende. Der Modestil des Spätrokoko jedoch überlebte die Wirren der Revolution um einige Jahre.

 

 

Text: Nadja von der Hocht

 

Titelfoto: Anagoria, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Bild Königin Luise Ulrike von Schweden (1720-1782): Lorenz Pasch der Jüngere, Public domain, via Wikimedia Commons

Bild Madame de Pompadour, 1756: François Boucher, Public domain, via Wikimedia Commons

Bild Marie Antoinette, 1778: Kunsthistorisches Museum, Public domain, via Wikimedia Commons

Bild Küchenmagd, 1736: Jean Siméon Chardin, Public domain, via Wikimedia Commons

Bild Köchin,1739: Jean Siméon Chardin, Public domain, via Wikimedia Commons

Bild Wäscherin, 1735: Jean Siméon Chardin, Public domain, via Wikimedia Commons

Bild Gouvernante, 1739: Jean Siméon Chardin, Public domain, via Wikimedia Commons